EVN und Verbund bringen niedrige Fixpreise. Ab 2027 kommt ein Industriestrompreis. Hurra! Der Standort Österreich ist gerettet. Oder aber er lebt ein paar Jahre auf Kredit und zahlt dann doppelt zurück.
Billiger Strom zu jeder Zeit klingt toll! Bremst aber die Energiewende und steigert Systemkosten. Warum? - das schauen wir uns an.
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Strompreis

Strom ist kein Leitungswasser
(Zu) billige Fixpreise malen ein falsches Bild. Sie tun so, als wäre Strom wie Leitungswasser: immer gleich viel wert. In Wahrheit hat Strom eine Zeitkomponente. Man kann ihn kaum speichern, also zählt nicht nur die kWh, sondern auch wann.
Das ist im Strommarkt perfekt abgebildet: Jede Stunde kostet anders. Jede Stunde ist ein Abbild von Angebot und Nachfrage - ein Steuersignal für alle Teilnehmer im System. Nur, dank Fixpreisen kommt dieses Signal bei vielen Verbrauchern nie an.
Wer keine Signale bekommt, kann auch nicht drauf reagieren.
Wenn ich immer 10 Cent zahle, ist mir die Uhrzeit egal. Ich lade mein Auto am Abend. Ich lade mein Auto zu Mittag. Ich lade dann, wenn es mir passt. Das Ergebnis ist bitter: Konsumenten werden zu „Problemen“ fürs System, obwohl sie eigentlich Unterstützer sein könnten.
Und man kann es ihnen nicht übel nehmen. Wer keine Signale bekommt, kann auch nicht auf sie reagieren. Wer nicht reagieren kann, kann nicht aktiv an der Energiewende teilhaben. Das Signal mag zwar verschwinden, aber nicht der Preis. Jemand zahlt drauf: entweder der Anbieter, der Staat – und später alle über höhere Systemkosten.
Dadurch wird die Wende zwar gebremst, aber gestoppt wird sie nicht. Dynamische Tarife kommen – die Frage ist nur: wann. In Skandinavien sind Spot- und dynamische Modelle längst normaler als bei uns.
In Norwegen rechnen 60% der Haushalte stündlich ab. Und ich bin überzeugt: Österreich wird nachziehen. Wer jetzt schon lernt, wie man für das System spielt, ist morgen nicht überfordert - sondern seiner Zeit voraus. Und profitiert heute schon davon.
Mitspielen - und fürs Duschen bezahlt werden
Am Stromsystem teilzunehmen ist einfacher, als viele denken. Der erste Schritt ist easy: jedenfalls den eigenen Tarif prüfen. Der zweite ist optional, aber (für viele) sinnvoll: ein dynamischer Tarif, bei dem der Preis sich stündlich ändert. Und so die Situation des Stromsystem widerspiegelt. Dann kannst du sogar fürs Duschen bezahlt bekommen.
Denn der Preis entsteht nicht zufällig. Er ist ein Abbild davon, ob gerade zu viel oder zu wenig Strom im System ist. Wenn im Sommer zu Mittag PV-Strom im Überfluss da ist entsteht Überschuss - Strom muss jetzt weg. Dann wird’s sehr billig, manchmal sogar negativ: Du wirst belohnt, wenn du ihn verbrauchst. Umgekehrt am Abend: alle kommen heim, kochen, laden und wenn Wind bzw. PV schwächeln, wird Strom knapp. Dann schießen die Preise nach oben. Nicht weil jemand „böse“ ist, sondern weil Knappheit den Preis nach oben treibt.

Anzahl negativer Stunden in 2025
Das klingt kompliziert. Ist es aber nicht. Du hast im Grunde drei Optionen um davon zu profitieren:
Zeitsteuerung (z. B. Boiler/Waschmaschine/Laden in ein fixes Zeitfenster)
Automatisierung
Manuelle Steuerung der größten Hebel
Man muss nicht von heute auf morgen sein ganzes Verhalten ändern. Kleine Anpassungen können eine große Wirkung haben, und plötzlich ist die Stromrechnung spürbar niedriger - ohne dass dein Alltag darunter leidet. Wie das geht, zeigt dir mein Wasserboiler.
Mein Wasserboiler - ein Held des Stromsystems
Mein Wasserboiler macht ca. 25% meines Stromverbrauchs aus. Das war mein Aha-Moment. Ich muss nicht mein ganzes Leben umstellen. Ich muss nur wissen wo es sich lohnt. Also Umstellung auf dynamischen Tarif - und dann Zeitsteuerung für den Boiler.
Und bevor du fragst: Nein. Ich sitze nicht jeden Tag vor Stromcharts. Ich hab auch nichts „programmiert“. Ich hab dem Boiler einfach eine Uhr gegeben. Im Sommer zu Mittag, im Winter in der Nacht. Voilá — weniger Kosten, ohne weniger Komfort.

Mein durchschnittlicher Strompreis pro Monat in 2025
Warum billige Fixpreise langfristig teuer sind
Diese neuen Fixpreise ändern jetzt das Spiel, nehmen den Grund überhaupt mitzumachen. Und wenn sonst niemand mehr reagiert, muss es das Netz um so mehr. Und das tut es. 2025 sind die Netzentgelte laut E-Control im Schnitt um rund 23% gestiegen. Dieses starre Verhalten verursacht eben Probleme. Jemand wird sie lösen, wenn es nicht die Verbraucher sind, sind es die Energieunternehmen - und die Verbraucher bezahlen es. Oder wir lösen sie selbst, und profitieren davon.
Unternehmen brauchen günstigen Strom - den gibt es schon
Ja, Unternehmen brauchen Entlastung. Nur muss die Frage sein: Welche Entlastung macht das System HEUTE besser, aber nicht auf Kosten von MORGEN? Für Betriebe ohne Flexibilität braucht es Hilfe. Für alle anderen sollte gelten: hilf dem System und hilf dir selbst.
…und profitiere davon. Heißt ganz konkret: EMS, Flexibilität, Eigenerzeugung oder Effizienz. Also Dinge, die dich vom starren Verbraucher zum steuerbaren Teilnehmer machen. Du musst nicht alles davon machen, aber du musst irgendwas davon machen, wenn du im System nicht nur zuschauen und über die hohen Energiekosten jammern willst.
Entlastung ja - aber nicht auf Kosten von Morgen.
Und genau deshalb sollte ein Industriestrompreis kein Gratis-Ticket zum Nichtstun sein. Wenn es ihn gibt, dann als Deal: Entlastung gegen Investition. Sonst ist es nur Aufschub - wenn die Förderung endet, wird das Abziehen des Pflasters doppelt weh tun. Wir müssen es schaffen, dass jeder Teil des Systems wird und mitmacht. Und das geschieht nicht durch politischen Populismus, der als Schmerzmittel verabreicht wird, um kurzfristig Probleme zu maskieren.
Mitmachen statt jammern - und stolz drauf sein
Fixpreise sind bequem. Sie sind einfach. Aber sie sind nicht die Wahrheit. Aber genau diese Wahrheit brauchen wir, damit Menschen und Unternehmen überhaupt anfangen zu verstehen. Und dann mitzumachen. Und dann zu profitieren. Und dann innovativ zu sein, und stolz darauf.
Fixpreise sind bequem, aber nicht die Wahrheit.
Wenn du nur eine Sache mitnimmst: Such dir einen Hebel (Boiler, Laden, Kälte/Wärme) und mach ihn steuerbar - per Zeit, Automatisierung oder simplem Plan. Und wenn du willst, schreib mir: Welcher Hebel wäre es bei dir?
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Bis nächste Woche!
